Neulich auf dem Velo

Eine persönliche Erfahrung aus dem Alltag.


An einem Samstag im Brachmonat war ich mit dem E-Bike in Engelberg unterwegs. Halbwegs zwischen Camping Eienwäldli und Restaurant Wasserfall vernahm ich aus dem rechtsseitigen Wald ein ganz sonderbares Geräusch, ein schriller Ton, – nicht wie das Pfeifen eines Vogels, eher wie das Quietschen eines schlecht geschmierten Ladewagens... und zwar andauernd, so im Zweisekundentakt. Es erstaunte mich, dass das Geräusch nicht von Baumwipfeln sondern vom Boden her kam. Ich ging da vorsichtig in den Wald mit lockerem eher niedrigem Baumbestand, aber mit Farn und Kraut überwachsenem Boden. Und da sah ich wie ein ca. zweimonatiges Rehkitz den Niedrigwuchs elegant übersprang und fortwährend schrie. Ich blieb auf einem schmalen Trampelpfad mucksmäuschenstill stehen und da passierte was Unglaubliches – das Schreien ausgesetzt, kam das Kitz bis auf etwa drei Meter auf mich zu - um nach Lugen und Schnuppern wieder schreiend über das Kraut elegant wegzuhüpfen. Nur ein paar Meter entfernt kehrte es wieder um und kam von der anderen Seite her wieder auf mich zu. Glaubte es wohl - in seinem Herzschmerz - in mir die Mutter zu erkennen? Mir tat das Kitz, das seine Mutter verloren hatte, dermassen leid, es war ein so sehnsuchtsvolles Rufen. Ich begab mich dann wieder sachte zum Velo und wartete noch eine ganze Weile, bis das Wehklagen verstummte. Ein Zeichen, dass sich Rehmutter und Kind wieder gefunden haben. Die Sehnsucht, die ich meinte aus den Augen des Kitz zu sehen und das herzergreifende Rufen gaben mir Anlass, mich zu fragen: Kann ich Sehnsucht noch empfinden? Die Sehnsucht nach Erkenntnis, – die Sehnsucht nach meinem wahren Zuhause... Das waren und sind Gedanken, die ich auf der Weiterfahrt ins Alpenrösli hatte und erst recht dann auf der Sausefahrt ins Tal und auch darnach.


Photo von Julie Marsh auf Unsplash

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