Meister Hakuin und das Kind
- 15. Aug.
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Nacherzählung einer Zen-Geschichte

Der grosse Zen-Meister Hakuin lebte in einer kleinen Hütte am Rande eines Dorfes, in dem er hohes Ansehen genoss.
Eines Tages wurde ein junges Mädchen aus dem Dorf schwanger. Der Vater des Kindes verliess die Gegend, und das Mädchen blieb allein und voller Angst zurück.
In ihrer Not wusste sie keinen anderen Ausweg, als dem ganzen Dorf zu erzählen, Meister Hakuin sei der Vater.
Die Dorfbewohner waren entsetzt. Sie brachten ihm keine Speisen und Gaben mehr, und anstelle des früheren Lobes hagelte es nun Vorwürfe. «Du bist der Schlechteste unter allen Menschen», sagten sie. «So?», erwiderte Hakuin nur.
Das Kind wurde geboren, und die junge Mutter brachte es zu Hakuin. «Dieses Kind ist deins», sagte sie. «So?», sagte Hakuin – und nahm das Kind bereitwillig in seine Arme.
Er kümmerte sich liebevoll um den kleinen Jungen. Jahre vergingen. Für ununterbrochene Meditation war das Leben mit einem Baby kaum geeignet; Windeln zu waschen gilt nicht gerade als Weg zur Erleuchtung. Und doch nährte, kleidete und umsorgte Hakuin das Kind mit Hingabe.
Eines Tages kehrte der leibliche Vater ins Dorf zurück, um die Mutter zu heiraten und das Kind zu sich zu nehmen. Das Paar erzählte allen die Wahrheit.
Die Dorfbewohner waren sprachlos. Sie eilten zu Hakuins Hütte, brachten wieder Geschenke und überhäuften ihn mit Lob. «So?», sagte Hakuin.
Bald darauf kam das Paar, um das Kind abzuholen. «So?», murmelte Hakuin – und übergab ihnen den Jungen in Liebe.
Foto von Notinx auf Unsplash





